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Eine Nacht auf der Reeperbahn

  • 13. Okt. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Apr.

Die Medien zerreißen sich das Maul, mein Stamm-Bordell verblutet langsam vor sich hin, das Personal wechselt schneller als manche ihre Unterwäsche, und die Mädels? Die springen ab. Eine nach der anderen. Suchen sich irgendwas Besseres – oder zumindest etwas, das noch funktioniert.

Und ich?


Ich bin jetzt auch weg.

Vielleicht erinnert ihr euch an meinen Artikel: „Wir brauchen eine Alternative… oder eine alte Naive?“


Ich sag’s euch ehrlich: Es fühlt sich an wie ein beschissenes Déjà-vu. Nur schlimmer.

Dieses Mal habe ich mir wenigstens einen Traum gegönnt. Wenn schon Chaos, dann richtig. Also: hoher Norden. Reeperbahn. Die sündigste Meile der Welt. Der Ort, von dem alle reden. Der Ort, der angeblich niemals schläft.

Ja. Angeblich.

Vier Laufhäuser gibt es dort. Zwei kamen für mich infrage. Eins habe ich gewählt.


Anruf. Infos. Preise. Klang alles solide. Fast schon zu normal.

Dann der erste Schlag ins Gesicht:


Einen Tag vor Abreise weiß plötzlich keiner mehr, ob überhaupt noch ein Zimmer frei ist.

Beim ersten Gespräch hätte man mir locker eins reservieren können. Aber da war mein Urlaub noch unsicher. Jetzt, wo ich bereit bin, heißt es: „Vielleicht. Mal schauen.“

Dieses „Mal schauen“ zieht sich wie ein roter Faden durch alles.

Am Abreisetag dann die Entscheidung: Tasche packen oder nicht?


Ich habe angerufen – und irgendwie, irgendwo, aus dem Nichts – das letzte Zimmer bekommen.

Zimmer 208. Zweite Etage.


Nicht ganz oben. Nicht ganz unten.


Aber hey – man sagt ja: Unten läuft’s besser.

Also rein ins Abenteuer.

Donnerstagnachmittag. Reeperbahn.


Dieses flackernde Neon, dieser Geruch aus Alkohol, kaltem Rauch und Erwartungen, die meistens nicht erfüllt werden.

„Treppe rauf, klingeln.“


Ich komme oben an – Tür geht auf.

Kein Türsteher.


Kein Muskelberg.


Ein Haustechniker.

Ich dachte kurz, ich bin falsch.

Im Büro dann ein junger Mann. Freundlich. Fast schon zu freundlich. Er erinnert sich sogar an mich. An unser Telefonat.


Ich bin kurz irritiert. Positive Überraschung – in dieser Branche eher selten.

Papierkram. Vertrag. Standard.

Dann die Führung.

Und dann kommt der Moment, der mir den ersten richtigen Dämpfer verpasst:

„95 % Südländer. Deutsche kommen hier kaum.“

Aha.

„Die Deutschen machen auch am wenigsten Probleme.“

Ach wirklich?

Ich frage nach Security.


Antwort: Er macht das selbst. Wenn er unterwegs ist, passt der Haustechniker auf.

Ich musste mich kurz sammeln.

Also nochmal langsam:


Problematische Kundschaft – aber keine echte Security?

Was soll da schon schiefgehen.

Immerhin: Die Zimmer sind sauber. Wirklich sauber.


Fast schon erschreckend ordentlich für das, was draußen abgeht.

Frühstück inklusive.


Checkout bis 12 Uhr.


Handtücher, Seife, alles da.

Die Oberfläche stimmt.


Wie so oft.

Ich gehe in mein Zimmer.


Dusche.


Ziehe mich an.


Setze mich vor die Tür.

Und warte.

Die ersten Männer laufen vorbei.


Blicke. Taxieren. Weitergehen.

Ich nenne meine Preise:


50 Euro für 15 Minuten. 100 für 30.

Reaktionen?


Ein trockenes „Danke“ – und weg.

Zu teuer.

Immer wieder: zu teuer.

Ganz ehrlich: Was ist eigentlich los?

Kaum noch deutsche Kunden. Egal wo.


Und hier? Reeperbahn?


Der Ort, an dem früher das Geld locker saß?

Nichts.

Ich höre mich um. Schaue, was die anderen nehmen.


Gegen 21 Uhr sind die Gänge voll mit Frauen. Die Preise sind identisch.

Also liegt es nicht an mir.

Es liegt am System.

Die Stimmung kippt.


Die Kaufkraft ist weg.


Und plötzlich merkt man: Das hier ist kein Einzelfall.

Das ist ein Trend.

Gegen 21 Uhr taucht dann endlich sowas wie Security auf.


Breit gebaut, weißes Shirt, Logo drauf.


Der erste Moment, in dem ich denke: Okay, vielleicht passiert hier nicht komplett alles unkontrolliert.

Mein erster Kunde kommt gegen 22 Uhr.

Gebrochenes Deutsch. Russischer Akzent.


50 Euro.

Nach 10 Minuten ist er fertig.


Dann will er bleiben. Kuscheln. Küssen. Nähe.

Ich blocke sofort.

Er versteht es nicht.


Oder will es nicht verstehen.

Ich werde klar. Deutlich.


Er geht. Widerwillig.

Danach die nächste Welle:

„Mehrmals kommen in 15 Minuten?“

Immer wieder. Immer dieselbe Frage.

Das ist keine Frage – das ist eine Masche.

Ich habe den Fehler früher gemacht.


Du sagst ja – und am Ende diskutierst du dich dumm und dämlich, weil plötzlich nicht mehr Zeit zählt, sondern Leistung.

Dieses Mal?


Konsequent nein.

Mitternacht.


Zweiter Kunde.

Endlich jemand Normales.


Älterer Herr aus Österreich. Ruhig. Respektvoll.


Fast schon surreal in diesem Umfeld.

Zwischendurch spricht mich meine Nachbarin an.


Sie hat gehört, dass ich Deutsch spreche.

Ihre Einschätzung: falscher Tag.


Donnerstag kannst du vergessen.


Freitag, Samstag – und erst abends.

Super.

Ich sitze da, rechne im Kopf.


Ich habe meine Miete nicht drin. Nicht mal ansatzweise.

Und morgen?


170 Euro.

Noch mehr Risiko. Für was?

Die Stunden ziehen sich.


Mehr dumme Sprüche als Kunden.


Mehr Diskussionen als Einnahmen.

Und irgendwann reicht’s.

1 Uhr.


Ich ziehe die Reißleine.

Feierabend.

Ich habe nicht mal meine Kosten gedeckt.


Nicht mal annähernd.

Auf dem Weg zurück laufe ich über die Reeperbahn.

Freitag. 1:30 Uhr.

Und das, was ich sehe, hat mich wirklich getroffen:

Nichts.

Keine Menschenmassen.


Kein Lärm.


Keine Energie.

Nur vereinzelte Gestalten.


Flackernde Lichter.


Leere.

Die Neonreklamen wirken plötzlich nicht mehr aufregend – sondern einfach nur traurig.

Das hier ist nicht die Reeperbahn, die ich kenne.


Das ist ein Schatten davon.

Und in diesem Moment wird mir klar:

Hier bricht gerade etwas weg.

Still.


Unaufhaltsam.


Und keiner spricht es wirklich aus.

Finanziell war der Abend ein Witz.


Ein schlechter.

Aber die Erfahrung?

Die war brutal ehrlich.

Und genau darüber rede ich im nächsten Beitrag.

 
 
 

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