Was ist nur los?
- 9. Okt. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Apr.
Die Kunden bleiben aus, das Geld wird knapp, und die Stimmung ist längst nicht mehr nur angespannt – sie ist schwer, erdrückend, fast schon hoffnungslos. Jeder Tag fühlt sich ein bisschen leerer an als der davor. Und während man dort sitzt, Stunde um Stunde, wird gleichzeitig erwartet, dass man Russisch, Türkisch und Englisch spricht, nur um sich überhaupt verständlich zu machen. Dazu kommen die immer gleichen Fragen – „Was ist letzter Preis?“ – als wäre man auf einem Basar und nicht ein Mensch mit Grenzen, Würde und einem Leben außerhalb dieser Wände.
Unter all diesen Umständen gibt es kaum noch Raum für andere Gedanken. Es geht nicht mehr um Perspektiven, nicht mehr um Ziele – nur noch um das Nötigste: Wie bezahle ich meine Miete? Wie komme ich durch diesen Monat?
Seit die Zimmermieten im Juni auch noch um 15 Euro pro Tag erhöht wurden, ist aus Druck eine echte Belastung geworden. Früher hatte ich zumindest eine Art System: Die ersten drei Wochenenden liefen, danach wurde es ruhiger. Man konnte planen, sich irgendwie darauf einstellen. Doch selbst das funktioniert nicht mehr. Juli und August – Urlaubszeit – haben alles noch weiter ausgedünnt. Kaum Menschen, kaum Einnahmen, kaum Hoffnung. Und dann der Septemberanfang… noch stiller, noch kälter. Es war fast beängstigend, wie wenig passiert ist. Mit Mühe, wirklich mit letzter Kraft, habe ich es geschafft, meine Zimmermiete und die Steuern zu zahlen. Aber der Preis dafür war hoch – innerlich wie äußerlich.
Und dann sitzt man da und fragt sich: Wofür eigentlich?
Zwei Tage am Wochenende arbeiten, dafür jeweils 80 Kilometer fahren – und am Ende bleibt fast nichts übrig. Eine Übernachtung vor Ort? In einem Vierbettzimmer, ohne Decken, ohne Kissen, ohne jedes Gefühl von Rückzug oder Ruhe? Das ist kein Leben, das ist Aushalten. Und ich merke immer mehr, wie wenig ich dazu noch bereit bin.
Also sucht man nach Alternativen. Man redet, hört sich um, klammert sich an jede Information, die vielleicht einen Ausweg verspricht. Aber die Antworten sind ernüchternd. Es gibt nichts Vergleichbares mehr im Ruhrgebiet. Die Preise sind gefallen, die Ansprüche gestiegen. 30 bis 50 Euro für 30 Minuten – das ist zur Normalität geworden. Und mit jedem Mal, wenn ich diese Zahlen höre, spüre ich, wie sich etwas in mir zusammenzieht. Welche Frau kann das auf Dauer tragen, ohne daran zu zerbrechen? Ich kenne keine. Ich wäre auch nicht mehr dazu bereit.
Und selbst wenn man es versucht – das Publikum ist oft noch schwieriger geworden. Härter. Respektloser. Gleichgültiger.
Ich erinnere mich noch an die Razzia vor ein paar Monaten. Das Bordell wurde geräumt, die Kunden blieben aus, wir hatten stundenlang Verdienstausfall. Und die „Lösung“? Die Miete wurde auf 99 Euro reduziert. Ein kleiner Trost, der sich fast wie Hohn angefühlt hat. Denn eigentlich hätte man in so einem Moment Verständnis gebraucht. Unterstützung. Stattdessen blieb das Gefühl zurück, dass man austauschbar ist.
Und vielleicht stimmt genau das.
Denn seit diesem Tag hat sich das Etablissement nie wirklich erholt. Hinter den Kulissen bröckelt es. Personal wird gekündigt, es gibt Gerüchte über neue Strukturen, neue Verantwortliche – Menschen, die plötzlich Entscheidungen treffen sollen, ohne die Realität wirklich zu kennen. Kellnerinnen werden zu Managerinnen gemacht, während langjährige Mitarbeiter abgemahnt werden. Frauen, die jahrelang geblieben sind, gehen jetzt. Leise. Ohne großes Aufsehen. Aber man merkt es. Man spürt, dass etwas auseinanderfällt.
Und draußen wird es auch nicht leichter. Die Preise steigen überall – im Supermarkt, beim Tanken, bei Strom und Gas. Alles wird teurer, nur das, was wir verdienen, bleibt gleich oder wird sogar weniger. Die Menschen sparen, ziehen sich zurück, überlegen zweimal, ob sie überhaupt noch Geld ausgeben. Und das trifft uns direkt.
Jeden Tag.
Man fragt sich irgendwann: Wer bleibt eigentlich noch?
Es ist ein bedrückender Zustand. Einer, der nicht nur finanziell belastet, sondern auch emotional. Weil man merkt, wie sich etwas verändert, das man einmal als Chance gesehen hat. Am Anfang war da noch Leichtigkeit. Die Vorstellung, am Wochenende zu arbeiten, dabei Geld zu verdienen, Menschen kennenzulernen, sich etwas aufzubauen. Heute fühlt sich das weit entfernt an.
Jetzt ist da vor allem Erschöpfung.
Acht Stunden auf einem Barhocker zu sitzen, zu warten, zu hoffen – für vier oder fünf Kunden, die vielleicht 15 Minuten bleiben, selten mal 30. Und selbst dann bleibt oft ein Gefühl von Leere zurück. Dafür bin ich mir zu schade geworden. Nicht aus Arroganz, sondern aus Selbstschutz. Weil ich merke, dass mich das langsam aufreibt.
Ich weiß, dass es so nicht weitergehen kann.
Vielleicht gibt es andere Orte, andere Wege. Vielleicht ist es im Norden anders, leichter, lebendiger. Ich werde es herausfinden müssen. Denn hier zu bleiben und einfach weiterzumachen wie bisher, fühlt sich an, als würde ich mich Stück für Stück verlieren.
Und trotzdem halte ich an einem Gedanken fest: Ein guter Kundenstamm verschwindet nicht einfach. Er geht nicht verloren – er verändert nur seinen Weg.
Vielleicht ist das Einzige, was mir gerade noch Hoffnung gibt.
Also wartet ab… auch wenn ich gerade selbst nicht genau weiß, wohin mein Weg führt – ich werde euch finden.

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