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Was passiert eigentlich hinter der Tür? Ein Gespräch mit einer Sexarbeiterin

  • 16. Okt. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Apr.

Bordellbetriebe und Clubs sind mittlerweile zu einem erschreckend hohen Anteil – man spricht von bis zu 80 % – in rumänischer Hand. Dass kaum noch deutsche Frauen in Bordellen, Laufhäusern oder Clubs arbeiten wollen, ist schon lange kein Zufall mehr. Es ist eine Konsequenz. Eine logische. Eine bittere.

Der Grund? Der ist so simpel wie verstörend: Die Zustände sind vielerorts schlicht nicht mehr tragbar.

Ein Manager nannte es einmal „Frankfurter Verhältnisse“. Und ganz ehrlich – wer einmal im Bahnhofsviertel unterwegs war, weiß genau, was das bedeutet. Diese dunklen, abgelebten Häuser. Der Geruch von kaltem Rauch, Schweiß und Desinfektionsmittel, das die eigentliche Unsauberkeit nur notdürftig überdeckt. Räume, die aussehen, als hätte man sie seit Jahren aufgegeben. Bettlaken, bei denen man nicht wissen will, wie oft sie schon benutzt wurden. Enge Flure, flackerndes Licht, eine Atmosphäre, die eher an Verfall erinnert als an irgendeine Form von „Dienstleistung“.

Und genau dort sollen Frauen arbeiten. Funktionieren. Lächeln.

Kein Wunder, dass sich immer weniger Frauen freiwillig dafür entscheiden.

Währenddessen schuften andere unter Bedingungen, die jenseits jeder Grenze sind. 24 Stunden. Sieben Tage die Woche. Für Preise, bei denen einem schlecht wird: 30, vielleicht 40 Euro für eine halbe Stunde. Das ist kein Wettbewerb mehr. Das ist ein Absturz. Ein freier Fall.

Und was dabei zerstört wird, ist nicht nur ein Markt – sondern jede Form von Würde.

Dieses ständige Unterbieten, dieses „Hauptsache billig“ macht alles kaputt. Es zieht das Niveau runter, bis nichts mehr übrig ist. Und am Ende? Am Ende sitzen da Männer, die glauben, sie könnten für ein paar Scheine alles bekommen. Alles. Ohne Respekt, ohne Grenzen.

Als wären wir keine Menschen mehr. Sondern Produkte. Verfügbar. Austauschbar. Benutzbar.

Nein. Sind wir nicht.

Wir sind Frauen. Mit Verstand. Mit Grenzen. Mit Anspruch. Mit Lust – ja. Aber auch mit Würde.

Und genau diese Würde geht in diesem System immer mehr verloren.

Denn nicht nur die Preise sind ein Problem. Auch das, was vielerorts als „Service“ verkauft wird, ist eine Farce. Ich kann hier nur von Laufhäusern sprechen, aber was ich gehört habe – und mittlerweile auch glaube – ist einfach nur noch absurd.

Kunden erzählen Dinge, bei denen man sich fragt, ob das wirklich ernst gemeint ist. Kondome, die mit einem Stück Zewa übergezogen werden. Mechanischer, liebloser Ablauf. Oralverkehr nur mit Gummi – was ja völlig in Ordnung ist – aber die Art und Weise? Kalt. Schnell. Ohne jede Form von echtem Kontakt.

Dann die „Auswahl“: Missionar. Reiter. Doggy. Drei Optionen, als würde man ein Menü anklicken. Alles darüber hinaus kostet extra. Jede Abweichung. Jede Kleinigkeit.

Und dann kommt der Punkt, der mich wirklich fassungslos gemacht hat:

Die Täuschung währenddessen.

Männer, die glauben, sie hätten echten Sex – und in Wahrheit gegen Finger stoßen, die geschickt alles blockieren. Eine perfekt inszenierte Illusion. Und sie merken es nicht einmal. Oder wollen es nicht merken.

Ich habe das lange für übertrieben gehalten. Für Geschichten, die man sich erzählt. Für Frust. Für Ausreden.

Aber nein.

Es ist Realität.

Und die Zeit? Die läuft wie ein gnadenloser Countdown. Keine Sekunde zu viel. Wenn die Uhr abgelaufen ist, ist Schluss. Egal, was gerade ist. Egal, wie nah jemand vielleicht davor ist. Es wird einfach abgebrochen. Kalt. Direkt. Ohne Diskussion.

„Zeit um.“

Fertig.

Ich konnte mir das alles nicht vorstellen. Wirklich nicht. Vor allem nicht, dass Männer sich so täuschen lassen. Dass sie das mit sich machen lassen.

Bis ich angefangen habe, genauer hinzusehen.

Bei meiner Recherche über ein Laufhaus auf der Reeperbahn bin ich auf Kommentare gestoßen, die davor warnten, Frauen dort die eigene Bankkarte zu geben. Ich habe gelacht. Ehrlich. Ich dachte: Wer ist bitte so dumm?

Dann kam ich in Hamburg an. Und plötzlich war das kein Witz mehr.

Ein Manager sprach mich direkt darauf an. Ganz selbstverständlich. Als wäre das Alltag.

Und dann erzählte mir meine Zimmernachbarin den Rest.

Sie arbeitet normalerweise auf der Straße. Direkt auf dem Kiez. Im Moment hatte sie Kiezverbot – und musste deshalb ins Laufhaus ausweichen. Allein das ist schon eine eigene Geschichte. Aber was sie mir dann erzählt hat, hat mir endgültig gezeigt, wie kaputt dieses System teilweise ist.

Kartenbetrug.

Eine Masche, so dreist, dass man eigentlich denkt, sie kann gar nicht funktionieren.

Tut sie aber.

Die Frauen stehen draußen, sprechen Männer an, bieten ihre Dienste an – scheinbar günstig, scheinbar unkompliziert. Man geht zusammen in ein Zimmer. Dann kommen plötzlich „Extras“. Natürlich gegen Aufpreis.

Und dann fehlt Bargeld.

Und genau da setzt es aus.

Die Frau bietet an, schnell Geld zu holen. „Du musst dich nicht anziehen, ich bin gleich wieder da.“ Karte her. PIN her.

Und der Mann gibt sie.

Einfach so.

Die Frau geht raus, räumt das Konto leer, übergibt das Geld ihrem Komplizen – und kommt zurück, als wäre nichts gewesen.

Und das Erschreckendste daran? Es funktioniert. Immer wieder.

Man denkt sich: Das kann doch nicht wahr sein. Aber doch. Es ist wahr.

Und als wäre das nicht schon genug, gibt es noch mehr.

„Blase-Betrug“.


„Fick-Betrug“.

Allein diese Begriffe.

Und die Art, wie darüber gesprochen wird – ganz trocken, ganz normal – als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Da wird nichts mehr gemacht. Da wird nur noch gespielt. Geräusche. Bewegungen. Täuschung. Routine.

Und plötzlich ergibt alles Sinn. Alles, was ich vorher gehört habe. Alles, was ich nicht glauben wollte.

Es stimmt.

Und genau das ist es, was uns kaputt macht.

Uns, die ehrlich arbeiten. Die sich Mühe geben. Die nicht betrügen. Die nicht verarschen.

Denn am Ende verlieren alle. Die Männer, weil sie misstrauisch werden. Und wir, weil wir in denselben Topf geworfen werden.

Und das macht wütend. Richtig wütend.

Weil es so unnötig ist.

Weil es auch anders gehen würde.

Weniger Kunden. Dafür richtige. Männer, die wissen, wie man sich benimmt. Die Respekt haben. Die verstehen, dass das hier kein Automat ist, sondern ein Mensch.

Ehrlichkeit. Natürlichkeit. Kein Theater. Kein Betrug.

Denn genau das zahlt sich aus.

Zufriedene Kunden kommen wieder. Sie vertrauen dir. Sie respektieren dich. Und ja – sie geben auch Trinkgeld. Freiwillig. Nicht, weil man es einfordert, nicht mit peinlichen Sprüchen oder Druck.

Sondern weil sie merken, dass sie nicht verarscht wurden.

Und genau DAS ist der Unterschied.

Respekt kann man nicht erzwingen.


Aber man kann ihn sich verdienen.

Und genau daran fehlt es mittlerweile an viel zu vielen Orten.

 
 
 

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